Gepostet in Schnack
Lieber Schulden tilgen oder in Markt investieren?
Liebe Parqet Community,
Mich würde eure allgemeine Einschätzung interessieren wofür ich aber ein wenig weiter ausholen muss.
Kurz zu meiner Person:
Ich bin seit nicht ganz 4 Jahren selbstständig als Fotograf und Filmer. In den letzten ca. 1-2 Jahren konnte ich einen Cashpolster aufbauen und habe mich entschlossen beim All Time High (Ende Nov. 2021) mit dem Investieren zu beginnen (ETFs, Aktien und Krypto🫠).
Eigentlich wäre das Geld als Eigenkapital geplant gewesen für den Hausbau. Meine Freundin und ich hatten bereits vor Corona angefangen zu planen und leider änderte sich die Lage so, dass ich mich eben entschlossen habe das „herumliegende“ Geld jetzt zu investieren, da ich zumindest noch vor ein paar Monaten nicht wusste ob und wie wir bauen werden.
Gut 2/3 dieses Eigenkapitals habe ich mittlerweile investiert (Gott sei Dank nicht alles im November 21 - sondern in Tranchen). 1/3 habe ich noch „rumliegen“.
Trotz der misslichen Lage in der Baubranche (für Kunden), haben meine Freundin und ich uns jetzt doch entschieden zu bauen, da wir ein attraktives Angebot von einem lokalen Fertigteilhaus-Anbieter bekommen haben, dass uns finanziell machbar erscheint.
Den Kredit hierfür haben wir bereits aufgenommen auf 30 Jahre mit jeweils 50% Fixverzinsung (auf 15 Jahre) und zu 50% variabel verzinst.
Ich will das investierte Geld unter keinen Umständen jetzt für den Hausbau wieder entnehmen. Es soll ja auch meine Altersvorsorge als Selbstständiger sein, da die Pension für Selbständige ja nicht so rosig ist.
Der Kreditrahmen wäre für uns (zu jetzigen und auch nicht allzu hoch steigenden Zinsen) gut stemmbar denken wir und ich würde weiterhin versuchen meine jetzige ETF-Sparrate aufrecht zu erhalten. Durch verschlechternde Umstände könnte ich die Sparrate logischerweise jederzeit stoppen.
Mein Gedanke ist jetzt folgender:
- Zu Marktphase wie in den vergangenen Wochen bzw. bei Crashs (Bärenmarkt) würde ich überschüssiges Cash (das was nach Abzahlung der Kreditrate übrig bleibt - Falls was übrig bleibt) in breit diversifizierte ETFs und in Einzelaktien investieren.
- Zu bullishen Marktphasen mit ständig neuen Allzeithochs (hoffentlich bald wieder) würde ich das überschüssige Kapital (falls vorhanden) dann wohl für Sonder-Tilgungen des Kredits nutzen.
- Oder soll ich die nächsten 15 Jahre (dort läuft die Fixverzinsung aus) überschüssiges Cash stets investieren? Nach den 15 Jahren beim Fixzins geht dieser ebenfalls in einen variablen über und eine Tilgung ist jederzeit möglich, ohne "Strafzinsen". In den ersten 15 Jahren ist immerhin eine Pauschal-Tilgung von 10.000€ pro Jahr beim Fixzins ohne "Strafzinsen" möglich. Den variable Anteil kann man von Beginn an ohne "Strafzinsen" tilgen logischerweise. Hier wäre der Gedanke jetzt darauf zu spekulieren, dass die Kurse in 15 Jahren deutlich höher liegen und ich zumindest Teile vom Gewinn mitnehme und diese dann für die Schuldentilgung benutze. Kommt wahrscheinlich stark drauf an ich welcher Phase wir uns dann befinden - Bei einem Crash wäre es ungünstig und ich würde dann wohl warten müssen.
Laut Thomas von Finanzfluss, sollte man ja immer zuerst seine Schulden abbauen. Doch als Selbständiger ist es mir auch wichtig für mich selber vorzusorgen.
Was ist eure Meinung hierzu? Lieber immer zuerst Schulden abbauen so schnell wie möglich? Und damit NICHT am Finanz- und Aktienmarkt investiert sein und auf potentielle Renditen verzichten? Oder seht ihr es eher so, dass ich bei Barenmäkten bzw. niedrigen Kursen frei verfügbares Cash lieber dort investieren soll. Oder eben Punkt 3: Die nächsten 15 Jahre Cash immer in den Markt pumpen?
Hier noch die Hardfacts für jene wo es interessiert/um einen besseren Einblick zu erhalten:
- Investiertes Kapital in ETFs und Einzelaktien: ca. 57.000 € (aktuell -3%)
- Noch vorhandenes Kapital/Cash: ca. 21.700 €
- Kredit: Insgesamt 300.000 € auf 30 Jahre aufgeteilt in 50% fixverzinst (2,55% auf 15 Jahre) und 50% variable verzinst —> Kreditrate laut jetzigem Stand 1101,97 € pro Monat - Das kann und wird natürlich jetzt durch den variablen Teil in den nächsten Monaten wohl nach oben gehen. Tilgungsbeginn ist wohl irgendwann nächstes Jahr sobald die ersten großen Zahlungen anstehen.
- ETF-Sparrate 400 € --> Könnte wenn es knapp wird jederzeit gestoppt werden.
- Noch beide berufstätig und somit wäre die Kreditrate vollkommen ok --> "Schwerere" Zeiten werden hier sicherlich noch kommen wegen eventueller Familienplanung (weniger Haushaltseinkommen über gewisse Zeit).
- Baugrund ist vorhanden --> Über diesen läuft die Hypothek, falls sich wer wundert wie man als "kleiner" Einzelunternehmer überhaupt noch zu einem Kredit kommt.
Danke für eure Einschätzungen schon mal.
LG
Roman
Ich habe mal versucht mich anzunähren (ohne tieferes Fachwissen und Interesse für Zahlen).
Bei 3,17% durchschnittlichem Zinssatz gerechnet (wegen steigenden Zinsen) und 2% Tilgung wäre das Darlehen in 30 Jahren fertig (Rate 1292€). Dabei entstehen Kreditkosten von 165.300€.
Kredit: 465.300€
Invest: 165.000€ (400*12*30+21000 ohne Kurssteigerung)
Invest geschätzter Wert in 30 Jahren: 342.000€
Mit Kinder bei 200€ Sparrate Wert in 30 Jahren: 192.000€
Rechnet man jetzt im Durchschnitt für 18 Jahre: 400€*12*18+21.000€ = 107.400€ Sondertilgung = 5966€ im Jahr. Dann wäre der Kredit in 19 Jahren getilgt und dabei entstehen 99.000€ Kreditkosten. Mit den Sonderzahlungen spart man sich 66.300€ Kreditkosten. Die weiteren 11 Jahre könnte man die Kreditrate+die 400€ investieren.
Kredit: 399.000€
Invest: 224.400€ ((400+1300)*12*11 ohne Kurssteigerung)
Invest geschätzter Wert in 30 Jahren: 308.000€
Mit Kinder bei 200€ Sparrate Wert in 30 Jahren: 222.000€
Meine Erkenntnis ist: Kann die 400€ Sparrate ohne Kinder die 30 Jahre lang über aufrecht erhalten werden, ist durch die 30 Jahre Zinseszins an der Börse die Version ohne Sondertilgung im Vorteil, mit Kindern und geringerer Sparrate von 200€ pro Monat und nur 9 Jahren Invest-Zeit ist die Sondertilungsvariante im Vorteil.
@michael
Danke für deine umfangreiche Einschätzung samt Rechenbeispielen.