Das_Lama
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Gepostet in Schnack

Die Zürich-Axiome

In der Buy-the-dip-Folge vom 1. September ging es auch um die Frage, welche Bücher man aus Sicht der Hosts gelesen haben sollte. Sebastian Hell benannte dabei (neben „Schnelles Denken, langsames Denken“, das ich auch für unbedingt empfehlenswert halte) „Die Zürich-Axiome“ von Max Gunther. Sagte mir überhaupt nichts. Aber meine Neugier war geweckt und das Buch schnell bestellt. Was ich vom Titel kommend dachte, das mich erwartet: Der „Schweizer Weg“ der Geldanlage, über den ich in den letzten Jahren immer mal wieder als Info gestolpert war, also lang gewachsene Erfolgsgrundlagen insbesondere zur Asset Allocation. Wie falsch ich lag. Denn was ich stattdessen bekam: 200 Seiten geballter In-die-Fresse-Kapitalismus. In 12 Haupt- und 16 Nebenaxiomen geht es ums Reichwerden durch Spekulation. Das ist die erste zu nehmende geistige Hürde, wenn man dieses Buch lesen möchte: der Autor besteht darauf, dass es sich bei (Börsen-)geschäften um Spekulationen handele, da jedes Investment eine Spekulation sei.

In der Folge werden die Axiome selbst vorgestellt, und auch hier müssen sich passiv-only oder passiv-first-Investierende gedanklich wieder ordentlich strecken. Das gilt insbesondere in den Teilen, in denen es um das Volumen von Investments und den Umgang mit Risiken geht. Während „Generation ETF“ oder die meisten Einzelaktienanleger verinnerlicht haben, dass es Diversifikation braucht, um das Risiko zu reduzieren, geht es hier um das genaue Gegenteil. Mehr als eine Handvoll Investments/Spekulationen gleichzeitig solle man nicht eingehen. Die Positionsgrößen müssten im Verhältnis zum Gesamtvermögen immer so groß sein, dass man sich anständig Sorgen macht und ein Verlust wirklich sehr schmerzhaft wäre. Denn ansonsten könne die Spekulation auch im Erfolgsfall das Vermögen nicht positiv beeinflussen. Diversifikation sei auch deswegen zu vermeiden, weil „sich Gewinne und Verluste wahrscheinlich gegenseitig ausgleichen werden“ (S. 35). Zur Einordnung sei natürlich zugestanden, dass das Kaufen ganzer Märkte zu diesem Zeitpunkt noch nicht so einfach war wie heute, wir sprechen hier von der Zeit vor Erfindung von Indexfonds und ETF. Was allerdings bleibt ist der Fokus auf das Reichwerden. Insofern darf man ernsthaft bezweifeln, dass sich Gunther auch in der heutigen Zeit mit einer popeligen Rendite von 6, 7 oder 8 % p.a. zufrieden gäbe. Zu oft verweist er darauf, man müsse reich werden, um dem Mittelmaß und auch der Mittelmäßigkeit zu entfliehen.

Und auch an anderen Stellen liegen die Thesen teilweise außerhalb dessen, was heute als „normal“ oder „richtig“ angesehen wird. Während ich beispielsweise an vielen Stellen höre und lese, man solle Gewinne laufen lassen, plädiert Gunther für frühzeitige Gewinnmitnahmen. Das relativiert sich allerdings insofern, alsdass er auch auf den Umgang mit Gewinnen und Verlusten eingeht. Man solle sich stets an die zuvor geplante Gewinnstrecke halten, also Verkäufe innerhalb der festgelegten Kurszone durchführen und sich von schlecht laufenden Spekulationen auch mit Verlust verabschieden – das sind Aspekte, die im aktiven Handel unstrittig auch heute noch Sinn ergeben.

Über einige weitere Axiome (in meinen Worten z.B. Charttechnik ist Quatsch, Optimismus nützt nix, die Mehrheit hat wahrscheinlich Unrecht) kann man guten Gewissens geteilter Meinung sein. Ich empfinde die Axiome allerdings, auch wenn ich sie inhaltlich beileibe nicht alle teile, als interessante geistige Absprungpunkte. Das xte Buch zu lesen, das mich in meiner Meinung bestärkt, hätte mich wohl kaum zum Denken angeregt. Mich stattdessen mit einem anderen, teils konträren Gedankenmodell zu beschäftigen, habe ich als Mehrwert empfunden.

Was mir an dem Buch nicht gefällt: Gunther ist in diesem Buch extrem meinungsfest. Er stellt nicht seine Theorie, seinen Beitrag, sondern DIE WAHRHEIT vor. Dem haben sich die Fakten anzupassen. So macht er sich zum Beispiel über den Status „Investment Grade“ bei Anleihen lustig und stellt in den Raum, durch den Begriff sollten schlussendlich nur Wege geschaffen werden, damit Finanzberater Anleger hinters Licht führen können. Nun waren die Möglichkeiten für Anleger, sich finanziell zu bilden, bei Erstauflage des Buches im Jahr 1985 im Vergleich zu heute sicherlich unterentwickelt, das macht die Aussage allerdings nicht richtig.

Auch im Weiteren greift der Autor zu Beispielen, die man – heutzutage im Internet veröffentlicht – wohl als Clickbait bezeichnen würde. Bei Beispielen für fallende Kurse wird stets vom historischen Top zum absoluten Low gerechnet, auf dass das Beispiel bloß möglichst dramatisch erscheint. Dass solche Abstürze eben nicht der Normalfall sind und die Maxima auch nur kurz bestanden, fällt unter den Tisch.

Grundsätzlich ist die erzählerische Herangehensweise darauf ausgerichtet, die eigene Wahrheit zu stützen. Allzu häufig beginnen die Axiome mit „Ich kannte mal ein Ehepaar…“ oder „mein Vater kannte mal…“. Ob es die dann beschriebenen Personen tatsächlich gab oder gibt sei dahingestellt. So oder so halte ich es für sportlich, regelmäßig von einem Einzelfall ausgehend zu pauschalisieren und diese in Ihren Abläufen und Ergebnissen als allgemeingültig darzustellen.

Fazit:

Wer muss das Buch lesen? Niemand, da es eher ein Gedankenmodell mit Leitlinien darstellt, weniger ein Ausgangspunkt für konkrete Handlungen ist. Für wen kann es eine Bereicherung sein? Für diejenigen, die Ihre Grundlagen gelegt haben und einen Anlass suchen, sich selbst und die eigenen Entscheidungen zu hinterfragen. Oder diejenigen, die einfach mal bewusst eine andere Meinung zulassen möchten, als die These „Langfristiger Vermögensaufbau durch passives Investieren ist der einzig wahre Weg“. Dabei ist wie angedeutet beim Lesen immer wichtig, die fast schon als historisch zu bezeichnende Einordnung des Geschriebenen vorzunehmen, 1985 ist knapp 40 Jahre her.

Es sind nur 200 Seiten im Taschenbuchformat, die noch dazu durch die Unterteilung in die Haupt- und Nebenaxiome recht gut für Denkpausen unterbrechbar sind. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass dafür zwei Bahnfahrten reichen (zumindest wenn man so wie ich das zweifelhafte Glück hat, Signalstörung, Streckensperrung, keine Umfahrung weil Zugführer ohne Streckenkenntnis, Weichenprobleme, Unbefugte im Gleis uuuund Schritttempo wegen defekter Schranken am Bahnübergang innerhalb dreier Tage zu erleben). Die Kaffeemaschine und der Ofen waren zwar auch defekt, aber das hat wohl weder etwas mit der Verspätung noch mit dem Buch zu tun.

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2 Kommentare

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Ronny Werner
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❤️

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Tom Z
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Ich lese ja persönlich keine Bücher. Aber sich auch mal aktiv gegensätzliche Meinungen anzuhören halte ich für essentiell. Kleiner Realitätscheck um nicht zu fest Gefahren zu sein in seinen Meinungsbild

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