Saidi Sulilatu – Finanzen ganz einfach
Mein gesellschaftlicher Aufstieg in den VIP-Status scheint vollzogen zu sein: Obwohl als Erscheinungsdatum für das Buch der 3. November veröffentlicht wurde und im Einband ganz klar „Originalausgabe November 2025“ steht, halte ich das Buch doch am 31.10. in meinen Händen. Aber vielleicht ist auch nur die Zeitumstellung krasser verlaufen als in den letzten Jahren, wer weiß. Aber ich will nicht klagen, am Wochenende findet sich sicherlich einfacher die Zeit zum Lesen dieses Buches, auf das ich schon ein wenig gespannt war. Buch Nummer trölfzigtausend zum Thema Finanzen, aber immerhin von Finanztip und einem DER deutschsprachigen Finfluencer, dem zumindest ich eine sehr große Seriösität zuspreche. Schaun mer mal.
Die ersten knapp 30 Seiten lesen sich flüssig weg. Kompakt und verständlich erklärt Saidi hier seine Einstellung, seinen persönlichen finanziellen „Werdegang“ und das Vier-Töpfe-Prinzip. Das soll das Grundlagenwissen für die weiteren Kapitel bilden. Im zweiten Kapitel geht es dann ums Sparen und insbesondere das Tagesgeldkonto. Es wirkt zwar schon reichlich auffordernd, wenn dort steht „Erledige das (das Eröffnen des Tagesgeldkontos) jetzt und lies erst weiter, wenn du ein Tagesgeldkonto eingerichtet hast.“, aber vermutlich ist ein wenig Druck bei der Erklärung nicht verkehrt. Positiv ist jedenfalls hervorzuheben, dass auch erklärt wird, warum ein Tagesgeldkonto besser zum Sparen geeignet ist als ein Sparbuch. In allzu vielen Büchern wird das in einem Halbsatz abgetan mit „nicht mehr zeitgemäß“, aber hier wird es tatsächlich zumindest kurz erklärt. Nach den „üblichen“ Ausführungen zum Notgroschen (empfohlen werden wenig überraschend 3 bis 6 Nettomonatseinkommen) ein weiterer Aspekt, der mir positiv ins Auge sticht: Am Ende des Kapitels wird als Ausbaustufe zum Vier-Töpfe-Prinzip noch das Einrichten weiterer TG-Konten als Spaß- oder Sparkonten angerissen. Finde ich gut, da trotz des Grundbekenntnisses zum Vier-Töpfe-Prinzip eben nicht dogmatisch gegen weitere Verästelungen argumentiert wird.
Weiter geht die Finanzreise mit einem Kapitel zu Versicherungen. Meines Erachtens sinnvoll unterteilt in verschiedene Fallgruppen von muss bis kann. Hat mit Geldanlage nichts zu tun, ist aber zweifellos wichtig. Insbesondere, da diese Themen eben nicht von jedem Elternhaus, geschweige denn von der Schule mitgegeben werden. Gleichzeitig ist das Kapitel so kompakt, dass es wirklich sehr einfach ist, sich einen schnellen Überblick zu verschaffen – möglicherweise auch als Erinnerung für „alte Hasen“, die eigenen Versicherungsprodukte zu hinterfragen. Ähnlich kompakt sind auch die dann folgenden Ausführungen zu Schulden gestaltet. Aber gut, wie viele Worte braucht es schon um zu erklären, dass Konsumschulden in aller Regel schlechte Schulden sind und daher tunlichst vermieden werden sollten.
Zwischenstand nach 70 Seiten: Die Finanzen sind strukturiert, wir sind schuldenfrei, optimal versichert und haben mit dem Sparen angefangen. Das nenne ich viel verständlichen (!) Inhalt auf wenigen Seiten.
Und ZACK sind wir bei des Pudels Kern und Saidi widmet sich in Kapitel 5 dem eigentlichen Investieren in ETF. Inhaltlich ohne große Überraschungen wird souverän durch das erforderliche Basiswissen gelenkt (Was sind Rentenlücke, Inflation, Aktien, Fonds, ETF, Zinseszins…) um anhand anschaulicher Tabellen und Grafiken die Vorteile langfristigen Investierens aufzuzeigen. Wie bereits beim Tagesgeldkonto soll der Leser dann stoppen und erst weiterlesen, wenn ein Depot eröffnet ist. Das empfinde ich ehrlich gesagt als an der falschen Stelle Druck gemacht, geht damit doch das Risiko einher, dass der eine oder die andere das Buch dann vielleicht doch wegen gefühlter Überforderung weglegt. Davon abgesehen ist das aber alles auf dem üblichen, hohen Finanztip-Niveau inklusive dreier ETF-Empfehlungen (iShares Core MSCI Word, SPDR MSCI ACWI und Vanguard FTSE All World). Gut auch: an dieser wie auch an anderen Stellen des Buches kann per via QR-Code auf die Finanztip-Website abspringen und landet direkt bei passenden Informationen. Stark gemacht. „Typisch Finanztip“ ist auch, dass hier noch die 3x10-Stratefie angesprochen wird, ausdrücklich markiert als nicht erforderlich, sondern für Fortgeschrittene. Insofern braucht sich ein unbedarfter Erstleser nicht damit zu belasten. Etwas schwächer ist aus meiner Sicht das Thema Entsparen/Leben im Alter beleuchtet. Halte ich bei diesem Buch allerdings für eine sehr lässliche Sünde. Dafür gibt es andere gute Bücher (auf Carola Ferstls neues Werk dürfen wir gespannt sein).
Damit könnte das Buch nach 125 Seiten eigentlich schon rum sein – und es wäre ein gutes Buch. Aber nach der Pflicht kommt die Kür. Hier zahlt es sich aus, dass es sich um eine Neuerscheinung handelt: im folgenden Kapitel werden die Kritikpunkte an ETF abgearbeitet. Beginnend mit der Frage, ob der US-Klumpen problematisch ist über ETF als dummes Geld bis hin zur Frage, ob ETF überhaupt nachhaltig sein können bzw. was das bedeutet. Insofern ist das Kapitel vielleicht ein Gewinn für jene, die der Presse o.ä. eine dieser Kritiken entnehmen und sich dadurch verunsichern lassen. Mein kleiner Kritikpunkt hierzu: Saidi räumt ein, dass ETF „in gewisser Weise“ dumm seien. Das kann man auch deutlicher sehen. ETF sind dumm. Strunzdumm. Das ändert ja nichts daran, dass Investieren Sinn ergibt. Insofern ergibt es aus meiner Sicht keinen Sinn, diese Dummheit irgendwie relativieren zu wollen. Aber sei´s drum, das ist Jammern auf höchstem Niveau. Die nächsten Ausführungen beziehen sich auf künftige Renditeerwartungen und Investments in Einzelaktien. Allerdings werden diese nur angerissen (Beispiel hier: Wirecard vs. Coca-Cola). Kernaussage: für die Altersvorsorge seien Aktien ungeeignet, da Sicherheit durch Streuung vorgehen müsse. Allerdings (finde ich gut!) wird hier bereits auf ein späteres Kapitel verwiesen, das sich mit Einzelaktien beschäftigt. Insofern kein dogmatisches Ablehnen von Einzeltiteln, sondern in meinem Empfinden eher eine Hilfe bei der Einordnung.
Dann allerdings schlägt eine meiner Wissenslücken zu: im Folgenden widmet sich das Buch der beliebten Frage „kaufen oder mieten“. Da habe ich so wenig Wissen, dass ich mehr Meinung als Ahnung habe. Insofern kann ich dazu nur sagen, (positiver Punkt) dass ich mich nach den rund 30 Seiten gut mit einer Grundlagenbesohlung versorgt fühle. Andererseits (negativer Punkt) stößt mir hier ein Narrativ sauer auf: Entscheide dich möglichst früh im Leben, ob du eine Immobile kaufen oder in ETF investieren möchtest. Habe ich schon häufig gelesen, häufig gehört. Mag auf dem Papier richtig sein, geht aber meines Erachtens an der Lebensrealität der Menschen so weit vorbei, dass es durch ein ständiges Wiederholen nicht besser wird.
Nachdem ich also mein Nichtwissen nochmals vor Augen geführt bekommen habe, stoße ich im achten Kapitel auf alte Bekannte. Unter der Überschrift „Alternative Anlagen“ arbeitet sich Saidi hier an unterschiedlichen Anlagevehikeln und Produkten ab. Dazu sei positiv vermerkt, dass (wie zuvor) kein dogmatisches „Nein“ zu anderen Investments folgt. Lediglich die freundliche Erinnerung, dass die Pflicht mit Vier-Töpfe-Prinzip und Aktien-ETF-Sparplan schon erfüllt ist und als Kern der Finanzstruktur und des Vermögensaufbaus Priorität haben muss. Das ist nur recht und billig. In diesem Kapitel zeigt sich nochmals der Vorteil der Aktualität des Buches. Als erstes werden hier Geldmarkt-ETF besprochen. Eine Thema, das man in anderen Büchern häufig gar nicht findet – mutmaßlich, weil sie in der Niedrigzinsphase auch nicht zu Unrecht keine Rolle gespielt haben. Gut, dass der Punkt nun aufgegriffen und als Alternative zum Tagesgeld besprochen wird.
Und dann? Sündenfall! KATASTROPHE! Ein Unterkapitel beschäftigt sich mit der betrieblichen Altersversorgung. Es ist so kurz, dass es automatisch Ungenauigkeiten beinhaltet. Ist ok, geschenkt. Aber zur Förderung der Entgeltumwandlung durch den Arbeitgeber steht dort: „mindestens 15 % Deines Sparbetrags sind mittlerweile vorgeschrieben.“. Das ist so weit verkürzt, dass es meiner Meinung nach falsch ist. Nach meiner bescheidenen Kenntnis ist es so, dass das BetrAVG fünf Durchführungswege für die bAV vorsieht, allerdings nur deren drei der Förderpflicht mit mindestens 15 % unterliegen. Mag nach Klugsch***erei klingen, finde ich aber für ein solches Buch bedauerlich. Auch der Hinweis, dass man doch den Versuch unternehmen solle, mit dem Arbeitgeber einen höheren Zuschuss zu verhandeln, dürfte in der Praxis in aller Regel ins Leere laufen oder, z.B. bei tarifgebundenen Unternehmen, sogar unmöglich sein. Aber gut, vielleicht sehe ich da auch ein Spezialproblem, wo keines ist. Der Rest des Kapitels ist in den Themen unterschiedlich (von Riester über Einzelaktien bis hin zu Bitcoin wird hier alles mehr oder weniger kurz angerissen) ist dann wieder solide, wenngleich es insbesondere zu Einzelaktien und Krypto natürlich viel mehr zu schreiben gäbe. Ich halte es aber für richtig, dass das Buch hierzu nicht weiter ausführt. Denn es soll ja um Grundlagenwissen und um Finanzstruktur gehen, nicht um tiefes Wissen in einzelnen, spezielleren Investments.
Schön, beziehungsweise lebens- und praxisnah dann das neunte und vorletzte Kapitel. Hier werden nochmals Kostenoptimierungspotentiale durchgegangen, sei es anhand der Klassiker Strom- und Handyvertrag oder bei der Auswahl von Bank und Kreditkarteninstitut. Mehr kann ich dazu gar nicht sagen. Muss man das Kapitel lesen? Nein. Aber wenn man ohnehin dabei ist, liest es sich auch flüssig weg und ist auch ein Stück weit die Einleitung für das zehnte und letzte Kapitel des Buches: Der Jahrescheck. Wer Finanztip auf irgendeinem Kanal folgt, kann ein Lied davon singen. Ein Mal im Jahr sollen wir uns hinsetzen und strukturiert unsere Finanzen durchgehen. Vermögensbilanz, Rebalancing, Verträge optimieren. Wird mir gleich ganz warm ums Nerd-Herz. Ausführen muss ich dazu nicht weiter. Wer hier im Forum herumhängt, ist so nerdig wie ich und kann des Jahrescheck selbst herunterbeten.
Saidi schließt mit einem kurzen Nachwort, dass tatsächlich nochmals ein schönes Abrunden zum Vorwort ist. Ich schließe das Buch mit einem guten Gefühl. Dass ich es nun innerhalb von 24 Stunden abzüglich Schlaf gelesen habe, sagt zumindest mir selbst eine Menge.
Was bleibt mir neben dem schon Geschriebenen positiv im Gedächtnis?
- Das Buch ist einfach gut geschrieben und leicht lesbar, was beim Thema Finanzen leider nach wie vor keine Selbstverständlichkeit ist.
- Am Ende jedes Kapitels findet sich eine kurze Box („Das Wichtigste in Kürze“) mit einer Kapitelzusammenfassung in wenigen Stichpunkten. Diese sind zutreffend gewählt, einfach zu merken und erlauben es, das Gelesene/Gelernte flott zu rekapitulieren.
- Der Preis von 15 Euro ist wirklich mehr als fair. Andere mögen behaupten, dass man ausschließlich ihr Buch lesen müsse, um über Finanzen Bescheid zu wissen. Bei diesem wird es nicht behauptet, aber es stimmt. Preis-Leistung 10/10.
Aber ich wäre nicht ich, wenn ich nicht auch ein bisschen was zu meckern hätte:
- Im Vorwort führt Saidi dazu aus, wie seine eigene finanzielle Reise losging. Während ich das grundsätzlich sehr interessant finde, findet sich dort auch der Satz „Dass ich damals meine Finanzen so kompliziert und ineffizient organisiert hatte, daran war bei mir – wie bei so vielen Menschen in Deutschland – der Finanzvertrieb […] schuld.“ Mit Verlaub: nein. Ja, der Finanzvertrieb versucht, uns Produkte zu verkaufen, die wir so nicht brauchen. Ja, er mag uns dadurch auch dazu verleiten, unsere Finanzen falsch oder zumindest schlecht zu organisieren. Aber die Verantwortung für unser Handeln und für die Struktur unserer Finanzen tragen bitte wir selbst, nicht der Finanzvertrieb.
- Die Möglichkeit, eine Rentenversicherung abzuschließen, wird am Ende des Buches besprochen und recht eindeutig als negativ abgetan. Aus meiner Sicht hätte man, statt die Rendite-/Kostenunterschiede in den Vordergrund zu stellen, stärker auch das Thema Langlebigkeitsrisiko besprechen können. Dieses wird zwar angerissen, aber recht schnell damit beschieden, dass eine vorsichtige Entnahmestrategie aus dem Depot jedenfalls der bessere Weg sei.
Was bleibt am Ende zu sagen:
Als ich vor ziemlich genau 2 Jahren Lisas „Aktien-Life-Balance“ gelesen habe, schrieb ich in meinem Post dazu: „aus dem Stand heraus mein Top-Pick wenn es darum geht, zukünftig im Freundes- und Bekanntenkreis für ein Auseinandersetzen mit der Börse zu werben“. Das mag rein auf die Börse bezogen auch nach wie vor richtig sein. Wenn es allerdings darum geht, das Thema „persönliche Finanzen“ in kompakter Form und gleichzeitig inhaltlich umfassend auf- und abzuarbeiten, schafft Saidi mit dem Buch den neuen „Goldstandard“. Hätte ich das Buch vor 25 Jahren gelesen, wäre mir viel selbstverschuldeter Finanzmist erspart geblieben. Vermutlich könnten wir viele Probleme lösen, indem wir dieses Buch jedem und jeder zum 18. Geburtstag schenken. Absolute Empfehlung.
Tolle Rezension. Danke dafür. Mir, als Abonnent von “Finanztip” auf YT, geht eigentlich das ewige “ETF sind das Beste” auf den Sack. Ich habe das Buch von Finanzfluss und Albert Waneke, zum Thema ETF. Da erfahre ich sicher nichts neues aus diesem Buch. Er(Finanztip) versteht nichts bzw. wenig von einer Dividendenstrategie, wann und für wen eine Solche interessant wäre, geschweige denn was “Hochdividendenwerte”(BDC, REIT, CEF, CLO usw.) sind. Da klafft einfach eine große Lücke. ETF ist nicht für JEDEN und ALLE das richtige.
Ich bin aber auch wohl nicht Zielgruppe des Buches.
@matze_923b54 Wenn du englisch nichts so magst, wäre Luis Pazos einen Blick wert.
@sven_kohlenberg Welche Buchempfehlung (alternativ Blog) hast du den zu dem von dir angesprochenen Thmea “Hochdividendenwerte”?
Leider ist mein Englisch zu schlecht, daher bitte nur in deutscher Sprache verfügbare Werke.