Austausch zu Makro Investition
Hallo zusammen,
es würde mich sehr interessieren, was ihr zu meiner Strategie denkt. Die Performance für das Jahr spricht für sich (>20%). Allerdings sind die weiteren Jahre viel spannender..
Ich hatte im All Time High alle meine S&P 500 Anteile verkauft gehabt, weil ich der Ansicht bin, dass die nächsten Jahre turbulent werden und die kurzfristigen Erwartungen beim AI, früher oder später nicht mehr standhalten werden.
Meine Grundannahme: Die massive US-Verschuldung, gepaart mit geopolitisch getriebener Inflation (Ukraine, Nahost, China-Zölle), zwingt die US-Notenbank Fed in eine Zwickmühle. Sie steckt zwischen der Notwendigkeit, die Inflation zu bekämpfen (was das fragile Banken-/Kreditsystem brechen könnte) und dem Druck, das System (und den Staatshaushalt) durch eine zu lockere Geldpolitik zu stützen.
Die Kernszenarien, auf die ich setze: Mein Portfolio ist primär auf zwei aus meiner Sicht wahrscheinlichste Szenarien ausgerichtet:
- "Crash & Pivot" (ca. 25% Wahrscheinlichkeit): Die Fed bleibt zu lange restriktiv, etwas im US-System bricht (Bankenkrise durch CRE-Ausfälle / KI-Blasen-Crash). Es folgt eine kurze, heftige Panik ("Dash for Cash"), worauf die Fed mit massivem QE und Zinssenkungen auf 0% reagiert, um das System zu retten. -> Ergebnis: Inflationärer Schock nach deflationärem Crash.
- "Schleichende Kapitulation" (ca. 55% Wahrscheinlichkeit): Die Fed sieht den Crash kommen und will ihn verhindern. Sie opfert leise ihr 2%-Inflationsziel, lässt die Inflation bei ca. 3% laufen und senkt die Zinsen langsam, um die Wirtschaft zu stützen. -> Ergebnis: Geordnete Flucht aus Cash, Realzinsen werden langsam negativ, kein Crash.
Das "Goldlöckchen"-Szenario (Soft Landing, Inflation besiegt ohne Crash), das aktuell viele zu preisen scheinen, halte ich angesichts der geopolitischen Lage und der (noch?) fehlenden KI-Produktivitätsgewinne für weniger wahrscheinlich (ca. 20%). Eine kontrollierte, tiefe Rezession ("Volcker-Lösung") ohne QE scheint mir wegen der Systemfragilität ebenfalls riskant und weniger wahrscheinlich (ca. 15%).
Mein Portfolio-Ansatz: Entsprechend setze ich stark auf Real Assets (Gold, Energie, Kupfer, Uran, Infra), habe einen signifikanten EM-Anteil (Wette auf schwachen Dollar), nutze dosierte Hebel (Gold Miners, Silber) und halte einen größeren Puffer (ca. 25% in kurzl. Euro-Anleihen) als "Munition" für den potenziellen Crash. Ergänzt wird das durch Wetten auf eine relative Stärke Europas (breiter Markt, Finanztitel, Verteidigung).
Meine Frage an euch: Wie schätzt ihr diese Makro-Sicht und die Wahrscheinlichkeiten der Szenarien ein? Ist die Wette auf einen "Crash & Pivot" oder eine "Schleichende Kapitulation" zu pessimistisch/optimistisch? Übersehe ich entscheidende Risiken oder Treiber für das "Goldlöckchen"-Szenario?
Ich halte das Szenario “Schleichende Kapitulation" für sehr wahrscheinlich und glaube nicht, dass die Tech Stocks die nächsten 2-4 Jahre gut performen werden.
Freue mich auf eure kritischen Einschätzungen und eine spannende Diskussion.
Uff, okay also direkt raus:
Ich lese bei dir nicht einfach nur „ich sehe gerade ein Risiko in den Märkten und gewichte das ein bisschen anders“. Ich lese eher: das aktuelle System ist strukturell schief, Schulden zu hoch, Zentralbanken werden am Ende sowieso eingreifen, die kleinen Leute zahlen die Rechnung, ein Reset ist gut möglich. Du sagst ja selbst, du bist seit über zwölf Jahren in Bitcoin, du traust der aktuellen Geldarchitektur nicht wirklich. Das ist kein taktischer Blick mehr auf Zinsen und Tech-Bewertungen, das ist inzwischen fast ein Grundverständnis davon, wie die Welt funktioniert.
Das ist erstmal nicht dumm. Viele Leute landen da, wenn sie sich tiefer mit Makro, Verschuldung, Fed, Währungsseite beschäftigen. Gerade, wenn sie Leute wie Lyn Alden lesen. Und ich meine das nicht abwertend. Die erklärt das alles sehr gut: Staatsverschuldung, Zentralbank-Mechanik, finanzielle Repression, wer am Ende die Zeche zahlt. Das gibt einem das Gefühl, man versteht jetzt wirklich, was da unter der Oberfläche läuft. Das holt viele genau in diese Denkrichtung rein.
Das Problem ist ein anderes. Sobald man an diesem Punkt ist, wird es schwer, sich selbst noch zu widersprechen. Egal was passiert, man findet immer eine Bestätigung für das eigene Bild. Wenn Inflation runtergeht, dann ist das nur die Ruhe vor dem eigentlichen Problem. Wenn sie hoch bleibt, ist es der Beweis. Wenn die Fed senkt, ist es die Bazooka. Wenn die Fed nicht senkt, ist es nur „noch nicht“. Irgendwann wird jede Entwicklung passend gemacht. Von außen wirkt das dann wie ein Horoskop für Investoren: Es klingt individuell und tief, aber es ist praktisch nicht mehr falsifizierbar.
Und genau da wird’s gefährlich fürs Depot. Nicht wegen „Fiat schlecht“ oder „Tech teuer“, sondern weil man innerlich keinen klaren Punkt mehr hat, an dem man sagt: Okay, ich lag daneben, ich drehe um.
Hardy hat dir im Prinzip eine einfache Frage gestellt: Wenn du dem Fiat-System wirklich so wenig traust, warum bist du dann überhaupt noch an Märkten investiert, die komplett in Fiat gepreist sind, und hoffst darauf, später wieder günstige Tech-Werte einzusammeln. Das ist eine faire Frage. Ich habe das Gefühl, du bist ihr ausgewichen.
Ich würde das mal anders formulieren, sehr konkret, ohne Ironie: Was müsste real passieren, damit du sagst „mein Bild war falsch, ich nehme das Rohstoff/Gold/EM-Übergewicht wieder runter und gehe wieder stärker Richtung US-Tech, Growth, USA allgemein“?
Zum Beispiel: Inflation kommt stabil runter Richtung zwei bis drei Prozent, ohne dass das System reißt. Die Fed senkt nicht brutal, sondern gemächlich. Der Dollar bleibt halbwegs stabil. Die großen US-Tech-Unternehmen drucken weiter Cash und halten ihre Margen. Emerging Markets laufen nicht klar besser als die USA.
Wäre das für dich der Punkt, an dem du sagst „okay, mein Reset-Szenario hat so nicht gespielt, ich adjustiere mein Portfolio wieder“, oder würdest du dann trotzdem sagen „mein Case gilt im Prinzip weiter, dauert nur länger“?
Ich frage das nicht zynisch. Ich frage das, weil das für mich der Unterschied ist zwischen „ich habe eine These und manage Risiko“ und „ich glaube an ein Narrativ und bleibe drin, egal was kommt“.
Wenn du für dich vorher klar hast, bei welcher Realität du wieder umschichtest, dann hast du eine Strategie. Dann bist du nicht der Doom-Typ, sondern jemand, der ein Szenario spielt, aber bereit ist, wieder rauszugehen. Wenn es diesen Punkt nicht gibt, dann bist du faktisch all-in auf deine Sicht. Und all-in auf die eigene Sicht ist für Privatanleger meistens der Moment, wo es teuer wird.
Ich will damit gar nicht sagen „nimm einfach ETFs und vergiss das alles“, so wie Hardy. Für viele ist das die beste Lösung, ja. Aber du bist offensichtlich schon an dem Punkt, wo du tiefer drin bist. Dann ist für mich die entscheidende Frage nicht mehr „wer hat recht?“, sondern „wer hat einen klar definierten Ausstieg aus seiner eigenen Überzeugung?“.
Das ist das Einzige, was am Ende zählt. 😉
@user_df7d48
Mir stehen die Haare zu Berge bei:
„wöchentlich (…) passe ich mein komplettes Portfolio an“
Egal auf welcher Grundlage.
@bilal Die Frage, die ich mir stelle ist, was eigentlich dein Ziel ist. Ich gehe immer davon aus, dass die meisten an der Börse investieren, um ihr hart verdientes Geld zu vermehren, um sich davon später was leisten zu können, früher in den Ruhestand gehen zu können oder die Rentenlücke zu schließen. Aber vielleicht sehe ich das ja falsch.
Ich habe bei dir den Eindruck, dass es dir eher darum geht, ein Portfolio zu haben, dass zu deinen makroökonomischen und geopolitischen Ansichten passt. Und vielleicht verlierst du dabei das eigentlich Ziel - zuverlässige Geldvermehrung - aus dem Fokus? Du reitest eine Welle, die es so vielleicht gar nicht gibt, und fühlst dich damit am wohlsten. Aber führt das wirklich zu effektiver Geldvermehrung?
@mai 1A Kommentar! You made my day. Es ist so: bezüglich „Wäre das für dich der Punkt, an dem du sagst „okay, mein Reset-Szenario hat so nicht gespielt, ich adjustiere mein Portfolio wieder“, oder würdest du dann trotzdem sagen „mein Case gilt im Prinzip weiter, dauert nur länger“?“
—> Mein LLM Agent macht wöchentlich Makro Analysen, sobald es ein „Soft Landing“ gibt oder die AI Produktivität sich in den Balance Sheets der Unternehmen zeigt, passe ich mein komplettes Portfolio an. Ich halte nur die Wahrscheinlichkeit für eine massive Korrektur in der kurzfristigen Phase nicht für unwahrscheinlich. Ich hoffe natürlich die tritt nicht ein. Nur muss man irgendwie diese verrückte Welle irgendwie reiten.
@marcus_26d82f Keine Soge, ich passe nicht wöchentlich das Portfolio an, sondern eben nur bei Indikatoren, die die Strategie nachhaltig brechen.
@user_df7d48 Ich überprüfe es selbstverständlich nochmal und nutze auch nur seriöse Makro Analyse Häuser.
Ich analysiere und passe ein Portfolio in P. zweimal täglich zum Spaß an, unterstützt von KI. Es ist nicht besser als eine 30-jährige Buy-and-Hold-Strategie, aber ich muss liquide bleiben und will bei den aktuellen Umwälzungen am Puls der Zeit bleiben, wie in den letzten 30 Jahren.